Monica Lierhaus - ZEIT-Interview. Chancen? Schaden?

Für den freundlichen Austausch über alle Themen abseits der Behinderung unserer Kinder .... alles was nicht zum Thema passt.

Monica Lierhaus - ZEIT-Interview. Chancen? Schaden?

Beitragvon *Martina* » 4/4/2011, 20:25

Hallo zusammen,

am Wochenende habe ich ein mehrseitiges Interview mit Monica Lierhaus und ihrem Lebensgefährten mit der ZEIT gelesen.

Lierhaus ist eine sehr bleliebt und bekannte Reporterin, lag nach einer GehirnOP mehrere Wochen im Koma und hat ein Handicap behalten.
Bei einer Verleihung bekam sie einen Preis für ihren Kampf gegen ihre Krankheit und für ihre (ich sags mal mit meinen Worten) Kampfgeist.
Sie wurde wenig später Botschafterin für "Ein Platz an der Sonne". Jahresgehalt geschätzte 450000 Euro.
Nach Bekanntgabe dieser Nachricht haben nach Angaben, die ich gefunden habe, fast 2000 Menschen ihre Lose gekündigt.

Hier ist der ZEIT-Artikel:
http://www.zeit.de/2011/14/DOS-Interview-Lierhaus

War der Schritt aller Verantwortlichen ein Schritt in die richtige oder in die falsche Richtung?
Ich habe für mich noch keine Lösung gefunden.
Was sagt ihr?

Liebe Grüße,

Martina
Jakob (*11/02), V.a. angeborene unbekannte Stoffwechselstörung, schwerst mehrfachbehindert, Z.n ALTE, ICP, blind, Microcephalus, Epilepsie, Sondenkind mit PEG, Hüftluxation bd., Kyphose. Bruder von Pauline (15 J.) und Sophie (13 J.).
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Re: Monica Lierhaus - ZEIT-Interview. Chancen? Schaden?

Beitragvon KatrinHH » 5/4/2011, 08:48

Hallo Martina!

Ich habe das Interview zwar nur etwa bis zur Hälfte gelesen und die Preisverleihung im Fernsehen habe ich auch verpasst, aber ich finde die Entscheidung, wieder in die Öffentlichkeit zu gehen, sehr gut. Mag sein, dass ich es als Mutter eines Handicapkindes so sehe, weil ich weiß, das Behinderung leider noch immer ein Tabuthema ist in der Öffentlichkeit.
Andere sehen es aus genau diesem Grund vielleicht anders, denken / sagen, man soll die Öffentlichkeit nicht mit den Schicksalen anderer belasten - für mich ist das eine falsche Einstellung.

Der Artikel beginnt mit der Beschreibung des Wohnumfelds (lange Treppe ohne Hilfsmittel), man weiß nicht, was Lierhaus und ihr Partner sich dabei gedacht haben. Die Treppe kann Trainingsmethode sein, um körperlich nach vorn zu kommen, das fehlende Hilfsmittel wie ein Treppenlift kann aber auch sagen: Ich will nicht nach außen sichtbar gehandicapt sein, ich brauche / will das nicht, obwohl es anstrengend ist, dann gelte ich ja als behindert... Oder so ähnlich.
Sie geht trotz allem an die Öffentlichkeit - mit dem Interview und auch im Fernsehen und zeigt damit allen, dass es auch nach Kopf-OP und Koma positiv weitergehen kann. Die meisten verzweifeln nach so einem Ereignis und verstecken sich zu Hause - das ist für mich der falsche Weg.
Ob es nun ein so hohes Jahresgehalt sein muß für eine Sendung, die etwa einmal wöchentlich maximal 5 Minuten ausgestrahlt wird, bezweifle ich. Aber die Summe ist ja wohl auch nur bekannt geworden, weil ein Promi mit Handicap ihn bekommen soll. Andere Promis haben keines oder kaum einer weiß es (z.B. Frank Elstner ist einseitig blind, hat ein Kunstauge (ich glaube, rechts) - man sieht es daran, dass Gäste in seinen Sendungen immer nur auf der Seite des sehenden Auges stehen, damit sie nicht im toten Winkel verschwinden) - da diskutiert auch keiner über die Gehaltshöhe. Andere Promis haben Kinder mit Handicap (Matthias Reim - Sohn im Rollstuhl; G.G. Andersen - Sohn mit Autismus - werden diese Kinder im Erbfall auf ein Taschengeld gedrückt und der Rest landet beim Staat oder in Heimplätzen, oder....?)

Ich finde es generell gut, wenn Menschen mit Handicap in die Öffentlichkeit und auf die Strasse gehen. Meistens sind es Erwachsene nach einem Unfall oder Senioren, Kinder sieht man kaum, leider. Das liegt aber daran, dass Kinder mit Fahrdiensten von Tür zu Tür transportiert werden und meistens ganztägig untergebracht sind, zu Uhrzeiten nach Hause kommen, als wären sie vollzeibeschäftigt. Bis dahin haben die Eltern alle Termine, Einkäufe etc. erledigt und bleiben mit den Kindern in der Wohnung. Nur in den Ferien sehe ich öfter Kinderrollis oder Kleingruppen, die innerhalb einer Betreuung unterwegs sind - Beobachtungen aus Hamburg. Zudem gibt es ja kaum Kinder, die wie Jacqueline, rein körperlich behindert sind und genau wissen und äußern können, was sie wollen oder nicht.
Am Wochenende ist Jacqueline z.B. auf einem nahegelegenen öffentlichen Sportplatz 3 schnelle Runden gefahren - wann sieht man Rollis auf Sportplätzen? Viele Senioren, die einen SBA haben, sagen z.B. im Bus, sie seien "schwerbeschädigt", um einen Sitzplatz zu bekommen - keiner will "behindert" sein.... Das ist wohl auch der Grund, warum auf Monica Lierhaus so reagiert wird, Behinderte haben nur Anspruch auf ein Gehalt in Taschengeldhöhe, weil sowieso kaum einer klar denken und damit umgehen kann, laut Öffentlichkeit.
Ich finde den Schritt genau richtig - hoffentlich gibt es bald mehr, die ihn gehen.

Gruß, Katrin
Katrin (10/74), Tetraspastik / Diplegie und Epilepsie ohne Hilfsmittel; Jacqueline (9/02), HSP, eine seltene genetische fortschreitende Erkrankung, seit Sommer 2010 mit Rolli. Sie hat es vom Vater geerbt, lebt auch bei ihm.
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Re: Monica Lierhaus - ZEIT-Interview. Chancen? Schaden?

Beitragvon neue_Eva » 5/4/2011, 11:26

Hallo zusammen,

also, die Sache mit dem "öffentlichen Heiratsantrag" fand ich unangemessen. Auch hätte ich an ihrer Stelle eventuell noch etwas mit einem öffentlichen Auftritt gewartet. Aber es war ihre Entscheidung es so zu machen. Ich glaube nicht, dass solche öffentlichen Auftritte allgemein dazu verhelfen das Thema Handicap ins "rechte Licht" zu rücken. Bei vielen Zuschauern hat dieser Auftritt "Mitleid" ausgelöst!

Gruss Birgit
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Re: Monica Lierhaus - ZEIT-Interview. Chancen? Schaden?

Beitragvon Diana » 6/4/2011, 09:30

Hallo zusammen,

so richtig weiß ich auch nicht, was ich von der ganzen Geschichte halten soll, irgendwie hat das ganze für mich einen faden Beigeschmack. Mir geht es dabei nicht um die Kohle, die sie da kriegt. Für das, was sie da leistet, in meinem Augen zu viel, aber das denke ich bei vielen anderen Promis auch, ob das nun die Bundesligaspieler sind, Menschen wie die Frau eines Cousins, die im Grunde auch nur die Tätigkeiten einer Sekretärin macht, aber weil sie es eben im bremen beim Senat macht, ein min. 3 mal so hohes Gehalt bekommt als eine "normale" Sekretärin oder der eine oder andere Manager...
Ich denke da eigentlich ähnlich wie Birgit, an der Einstellung der Gesellschaft wird ein solcher Auftritt wenig ändern, weil er vor allem Mitleid hervorruft. Gerade die beiden hätten da sicherlich in ihrem Geschäft andere Möglichkeiten gehabt, um zu zeigen, was möglich ist, wenn man die Hoffnung nicht aufgibt, hart arbeitet..., aber eben auch, mit welchen Schwierigkeiten man in so einem Fall immer und immer wieder konfrontiert wird.
Die Aussage, dass sie ein Ziel und eine neue Aufgabe brauchte, kann ich gut nachvollziehen, aber das muss ich dann vielleicht nicht so präsentieren und zur Schau stellen. Und was Frau Lierhaus oder auch die beiden als Paar oder gemeinsam mit der Familie noch so an Ideen und Gedanken hatten, wissen wir ja nicht, da wird es vielleicht viele Überlegungen gegeben haben. Aber sie war ja auch schon vor der geschichte in den Medien, warum soll sie es jetzt nicht mehr sein, wenn sie dazu in der Lage ist. Aber im Grunde finde ich es gut, dass sie denn nicht einfach abgeschoben wird irgendwo hinter die kulissen oder gar ganz, nur weil sie sprachlich gehandicapt ist, ein auffallendes gangbild hat oder oder oder. Denn das passt ja in unsere medialen Welt, ganz oft einfach nicht ins Bild.
Da, wo ich einfach hänge und nicht weiß, was ich davon halten soll. Ich kann nach all dem, was ich zudem Thema gesehen und gelesen habe nicht klar sagen, dass sie es aus eigenem Antrieb macht. Ich bin mir danach wie vor nicht sicher, ob das inszeniert ist, oder ob es ihr tiefster Wille ist, weil in diesem Interview z.B. er fast alle fragen beantwortet oder aber ihre Aussagen dann noch einmalrevidiert. Aber das kann man wohl auch nur wirklich beurteilen,wenn man im direkten regelmäßigen Kontakt steht.

Liebe Grüße, Diana
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