Wenn das "Kind" schon längst erwachsen ist...

Für viele Eltern bricht bei der Diagnose, ihr Kind ist behindert, oder retardiert, eine Welt zusammen. Hier sollen erste Hilfestellungen gegeben werden mit dieser erschütternden Diagnose umgehen zu können.

Wenn das "Kind" schon längst erwachsen ist...

Beitragvon KatrinHH » 21/2/2012, 08:52

Hallo!

Ich gerate immer mal wieder mit meiner Mutter aneinander, wenn es um HaushaltsfĂĽhrung geht.
Meine Mutter ist eine sehr viel bessere Hausfrau als ich, sagt oft zu mir, ich würde zu wenig machen in meiner Wohnung. Meine Wohnung ist nicht dreckig, man sieht aber, dass dort jemand wohnt. Meine Mutter krabbelt, seit ich denken kann, täglich mit Lappen über den Boden, um auch noch den letzten Krümel aus der Ecke zu holen. Ich sage mir, wo der Staubsauger nicht hinkommt, darf gern ein Fussel oder Krümel liegen. Seit gut einem Jahr habe ich mir eine Haushaltshilfe ins Haus geholt, die wöchentlich eine Stunde kommt, während ich auf Arbeit bin.

Letzten Donnerstag hat meine Mutter in meiner Wohnung vormittags auf die Heizungsableser gewartet und aus Langeweile und um zu ĂĽberbrĂĽcken, mit feuchten BodentĂĽchern mein Laminat im Wohnzimmer gewischt, worum ich sie nicht gebeten hatte. Kaum waren die Handwerker und meine Mutter weg, kam meine Haushaltshilfe in die Wohnung. Sie muĂźte erneut das Laminat wischen, weil meine Mutter mit Latschen durch die Feuchtigkeit gelaufen war und FuĂźabdrĂĽcke hinterlassen hatte, was doppelte Arbeit war.
Meine Mutter rief mich nachmittags an, dass sie angeblich Staub von vier Wochen weggewischt habe, ich könne ja die Tücher im Müll kontrollieren - was ich bestimmt nicht mache. Sie hätte gewischt, weil sie sich gedacht hat, meine Haushaltshilfe schafft es nicht in einer Stunde alle Böden zu reinigen (Laminat, Fliesen, Teppich), was mir aber wichtig ist, weil Jacqueline viel krabbelt in der Wohnung.
Ich sprach über die Vorwürfe meiner Mutter mit meiner Haushaltshilfe, die daraufhin natürlich sauer und kurz davor war, hinzuschmeissen. Sie bestätigte mir, dass meine Wohnung immer von ihr geschafft wird und nicht dreckig ist, wenn sie reinkommt, eben nur bewohnt aussieht.
Mein Vater sagte zu meiner Mutter, sie soll sich nicht immer einmischen. Ich habe ihr schon öfter gesagt, dass ich gerne bereit bin, Hilfe anzunehmen, aber nicht bevormundet werden möchte. Wie oft sagte meine Mutter mir schon beim Bettenbeziehen, ich solle mir mal ein anderes, am besten Einzelbett, kaufen, dann ginge das Beziehen leichter. Spreche ich sie später darauf an, dass ich es als Drängen oder Bevormunden, Verändern meiner Wohnsituation nach ihren Wünschen empfinde, findet sie es nicht so schlimm oder hat es vergessen. Ich bin zwar lange schon Single, will es aber nicht ewig bleiben - ich werde mein Doppelbett bestimmt nicht tauschen gegen ein Einzelbett, nur, damit der Haushalt leichter von der Hand geht.

Wenn ich mit anderen spreche, deren Behinderung so ist, dass sie allein in eigener Wohnung leben können, höre ich ähnliches. Ist es das "Schicksal" eines erwachsenen behinderten "Kindes", dass man auch mit 37 noch zu hören bekommt, wie man die Wohnung zu säubern und einzurichten hat oder sind es die Mütter dieser "Kinder", die auch noch als Rentner lernen müssen, dass das Kind längst ausgezogen ist, eigenes Geld verdient etc.? Dass es wohl bei Kindern, die in Wohngruppen leben, anders ist, kann ich mir vorstellen, aber es geht mir um alleinlebende erwachsene behinderte "Kinder".
Ich denke nicht, dass meine Mutter von ihrer Mutter oder Schwiegermutter mit 37 gesagt bekommen hat, wie der Haushalt zu fĂĽhren ist und meiner Schwester, nichtbehindert, wĂĽrde sie es auch nie sagen, obwohl sie "erst" 28 ist...

Versteht ihr, was ich meine? Wie denkt ihr darĂĽber? Wie geht ihr mit euren erwachsenen Kindern um oder wie wĂĽrdet ihr mit ihnen umgehen?


GruĂź, Katrin
Katrin (10/74), Tetraspastik / Diplegie und Epilepsie ohne Hilfsmittel; Jacqueline (9/02), HSP, eine seltene genetische fortschreitende Erkrankung, seit Sommer 2010 mit Rolli. Sie hat es vom Vater geerbt, lebt auch bei ihm.
KatrinHH
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Re: Wenn das "Kind" schon längst erwachsen ist...

Beitragvon Diana » 21/2/2012, 13:05

Hallo Kathrin,

deine Verärgerung kann ich super gut verstehen, kommt mir auch sehr bekannt vor.
Aber ich glaube, dass das weniger ein Problem ist, dass in der Behinderung zu suchen ist, vielmerh ist es ein Problem der Eltern oder des Elternteils, dass nicht richtig loslassen kann.
Meine Eltern machen auch vieles anders, als wir es jetzt in unserem Haushalt machen. Gelegentlich bekomme ich dann auch mal einen Kommentar oder einen wohlgemeinten Ratschlag, aber im Großen und Ganzen lassen sie uns unser Leben leben und uns unsere eigenen Erfahrungen machen und sagen nur etwas, wenn wir auch um Rat und Hilfe bitten. Oder aber sie hinterfragen ganz sachlich, so dass man den eigenStandpunkt darlegen kann und ggf. den eigenen Standpunkt auch noch einmal überdenkt - nicht zwangsläufig mit dem Ergebnis, dann alles so zu machen, wie sie es sich vorstellen.
Bei meinen Schwiegereltern sieht das jedoch anders aus. Das geht schon mit der rollenverteilung los, dass meine Schwiegermutter ihr Leben lang nur Hausfrau und Mutter war (und das auch gerne). Aber ich bin das eben nicht. Ich liebe meine Kinder und trete momentan deshalb auch im Job deutlich kürzer. Aber ich liebe auch meinen Job und gehe gerne arbeiten und möchte auch spätestens wenn Tjara im Kindergarten ist,wieder mehr arbeiten. Daher müssen wir uns gegenseitig unterstützen und jeder muss seinen Anteil im Haushalt übernehmen. Für meinen Schwiegervater aber ist es kaum zu ertragen, dass Tobi auch Geschirr spült, Kuchen backt oder die Wohnung putzt. Auch kann er nicht verstehen, dass ich nicht aufstehe, wenn Tobi zum Frühdienst muss und ihm sein Brot schmiere und den KAffee koche....
Meine Schwiegermutter findet vieles sicherlich auch befremdlich, aber sie sagt nichts, aber mein Schwiegervater versucht uns, je älter er wird, immer mehr seinen Lebensstil aufzudrängen und ist dann auch beleidigt, wenn wir das so nicht machen, so dass wir jetzt noch dabei sind die Wogen etwas zu glätten, weil dieser Konflikt heftigst eskalierte während unseres Umzugs im Dezember.
Ich glaube mittlerweile, dass sein Verhalten daran liegt, dass er selbst keine besonders gutes Verhältnis zu seinem eigenen Vater hatte, der seine Behinderung nie akzeptieren konnte, so dass die beiden sich immer weiter von einander entfernt haben. Wichtigstes Ziel für ihn ist es deshalb ein gutes Verhältnis zu seinen Söhnen zu haben. Er meint sicherlich vieles wirklich nur gut, aber die Art und Weise, wie er es rüber bringt, geht gar nicht und führt zunehmend zu Konflikten und er macht all die Fehler, die er einem Vater bis heute vorwirft, weil er bei seinem Bedürfnis nach einem guten Verhältnis zu seinen Söhnen vergißt, dass diese mittlerweile erwachsen geworden sindund eigene Entscheidungen treffen wollen, auch wenn dies beinhaltet, Fehler zu machen.
Und ich glaube, dass es gerade in der Generation deiner Eltern vielen Eltern schwer fällt, ein "Kind" mit Behinderung loszulassen, weil sie ja ihr Leben lang von allen Seiten suggeriert bekommen haben, dass ihr Kind ein Leben lang auf ihre Hilfe angewiesen sein wird, auch wenn diese gut in der Lage sind ein eigenständiges selbstbestimmtes Leben zu führen.
Ich denke, da hilft nur selbstbewusst zum eigenen Lebensstil zu stehen und sich diese ständigen "Bevormundungen" zu verbitten. Sie muss deinen Lebenstil ja nicht toll finden, nur dich deinen Weg gehen lassen.
Meine Wohnung wird wohl niemals so sauber aussehen wie die meiner Schwiegermutter, aber ich möchte auch nicht, dass meine Kinder so hinnter dem Haushalt zurückstecken müssen, wie es Tobi und sein Bruder mussten. Wir gehen unseren Weg, der vielleicht durch ein wenig mehr Krümel und Staub geprägt ist, aber auch von ganz viel Liebe und miteinander und definitv nicht von Regeln um der Regeln willen.
Liebe GrĂĽĂźe, Diana
Mitarbeiterin Fachkrankenhaus Epilepsie fĂĽr Kinder und Jugendliche mit schwersten Mehrfachbehinderungen
Lasse 12/06; Peer Ole 04/08; Jonna Kristin 04/10; Tjara Henrike 12/11
Diana
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Re: Wenn das "Kind" schon längst erwachsen ist...

Beitragvon neue_Eva » 21/2/2012, 22:10

Hallo zusammen,

ich kann dieses "Problem" auch bestätigen. Seit über 20 Jahren bewohne ich eine rollstuhlgerechte Mietwohnung, die durch eine Haushaltshilfe gereinigt wird, da ich dieses bedingt durch meine Tetraspastik niemals leisten könnte. Ich finde meine Haushaltsilfe macht das super & unterstützt mich eben dort in der Haushaltsführung wo es nötig und sinnvoll erscheint. Meine Mutter, eine sehr perfekte Hausfrau, findet auch hier und da mal "Fehler", die in meinen Augen eben keine sind. Für mich ist es eben schon eine absolute Herausforderung, den ganz normalen Alltag meistern zu können (Vollzeitbeschäftigung plus, Therapie & Arztternine!) Da ist es mir so ziemlich egal, wenn nicht bis in den letzten Winkel staubgewischt ist. Immerhin bin ich diejenige, die hier wohnt & ich fühle mich hier wohl :). Und in einer Wohnung die nahezu klinisch rein ist & unbewohnt aussieht fühle ich mich nicht wohl. Manchmal bekomme ich von meiner Mutter "Hinweise" was meine Haushaltshilfe so alles vergessen hat. Ich beantworte diese Hinweise inzwischen mit einem Lächeln & alles ist gut :D!

Lieber Gruss
Birgit
Tetraspastik seit Geburt; Rollstuhlfahrerin
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